Selbstversuch im virtuellen Rammelraum

Porno geht jetzt auch in VR. Die größte Online-Plattform für Erwachsenenunterhaltung Pornhub hat eine eigene Abteilung für die 3D-Sparte eingerichtet. Aber ist das wirklich so geil, wenn man quasi selbst zum Pornodarsteller wird?

virtueller Porno
virtueller Porno

Ein bisschen zwickt sie schon auf der Nase, diese Cardboard-Brille, die dem User momentan mit Abstand den günstigsten Zugang zu virtuellen Welten verschaffen kann.  Mit um die 15 Euro ist man schon dabei. Ist natürlich auch nur ein Pappgehäuse, das ein Smartphone zu einem Virtual-Reality-Display umwandelt. Aber der durchschnittliche Pornofreund hat im Normalfall ja auch keine teure Occulus Rift oder HTC Vive neben seiner Kleenex-Box stehen.

Jetzt noch Kopfhörer in die Ohren, damit ich mich mit allen meinen Sinnen endlich voll immersiv in eine 360-Grad-3-D-Pornowelt begeben kann. Der Film, der auf meine Retina geklatscht wird, kommt von einer der größten Online-Plattformen für Erwachsenenunterhaltung: Pornhub. Seit März gibt es dort auch einen eigenen Kanal ausschließlich für VR-Pornos. Wenige Minuten nach dem Launch schmierte der Server natürlich seinerzeit ab. Hoffen wir mal, dass die dreidimensionale Pornosause mittlerweile ohne Zicken funktioniert.

Die Story ist schon mal nichts neues

Lediglich zwei Beine, nichts Pornografisches | Bild: BR

Los geht’s: irgendeine Frau spricht aus dem Off zu mir, lädt mich zu sich in ihre von außen einigermaßen beeindruckende Villa ein. Aber wo ist sie? Ich muss mich kurz orientieren, schaue nach links, schaue nach rechts und sehe sie schließlich vor mir. Typisches Pornooutfit: kurzer Rock, enges Top, infantile Schulmädchenzöpfe, knallrote Pumps.

Sie lächelt, redet weiter – ich soll irgendetwas in ihrer Bude reparieren. Was genau, das ging in meiner kurzen Orientierungslosikgeit unter. Ist aber auch egal – diese Storyidee kennen wir natürlich alle auch aus ähnlichen Werken und ich glaube, ich werde den Plot schon irgendwie kapieren. Also folge ich der mit zusammengepressten Pobacken vor mir durch die Villa schreitenden, jungen Dame einfach mal. Beziehungsweise folgt ihr die Kamera. Und die imitiert selbstverständlich streng und puristisch den gierig-erigierten, männlichen Blick: P.O.V – Point Of View. Den männlichen Darsteller – also mich – kann ich natürlich nicht sehen.

Schon öffnet sie MEINE Hose

Pornhub | Bild: BaDoink.com

Ein bisschen Gebrabbel zwischen Mann und Frau. Ich nutze die Zeit um mich umzuschauen: große Butze, ziemlich scheiße eingerichtet, mit neonfarbenen Couchen und schlechter, semi-moderner Behauptungskunst. Vermutlich das Anwesen des Produzenten, das er öfter mal für derartige Rammeleien zur Verfügung stellt. Im Hintergrund flackert ein Kaminfeuer – nein, eine Kaminfeuer-DVD. Oder eine Blu-Ray. Wenn ich es mir recht überlege, sollte es schon eine Blu-Ray sein. Die hatte ja einst die DVD abgelöst. Und die DVD zuvor die VHS. Virtual Reality wiederum soll jetzt alles zusammen ablösen. Deswegen bin ich ja auch überhaupt gerade hier und mache mir Gedanken über den Ursprung des digitalen Kaminfeuers.

„Would you like me to suck your cock?“, höre ich die Darstellerin fragen, während ich also gerade noch über Kaminfeuer-DVDs (sorry, Blu-Rays) nachdenke. Antworten kann ich darauf natürlich nicht – und das Fehlen von Interaktion ist in so einer P.O.V-Situation dann schon ein bisschen verwirrend.  Selbst wenn ich jetzt „nö, lass mal gut sein“ sagen würde, würde sie ja trotzdem nicht damit aufhören, an meiner Hose herumzufummeln. Stichwort: MEINE Hose. Ich schaue an mir herab und sehe die Beine des Darstellers und natürlich kurz darauf auch dessen ordentlich durchbluteten Penis. Irritierend. Noch irritierender: plötzlich fängt der gute Mann unangenehm laut zu stöhnen an. Er – nicht ich. Wie ein brünftiger, polygamer Wasserbüffel stößt er gnadenlos unrhythmische Gutturallaute aus: „Mmmhaa…a…a…o…o…mmmmhhh…“ Nein, so möchte ich aber nicht klingen. Das nervt, verstört und ist so gar nicht immersiv.

Was sollen die Männerhände im Bild?

Pornhub VR-Porn Still | Bild: BaDoink.com

Es wird aber noch bizarrer: Schließlich ist das Vorspiel vorbei und das unumgehbare Centerpiece jedes pornösen Vergnügens geht unvermeidbar los: bretthartes Vögeln in allen Lagen. Wahlweise wippen jetzt die Silikonbrüste der Darstellerin direkt vor meinen Augen herum oder ich gucke unangenehm berührt auf ihren rotierenden Hintern herab. Immer wieder fingern die gierigen Griffel des Darstellers in den Bildausschnitt. Nee, nee – so geht das doch nicht. So sehr ich versuche nicht zu lachen und mich mal darauf einzulassen, es fühlt sich einfach zu keinem Zeitpunkt so an, als wäre das mein Körper. Und dann endet der Film. Wie genau muss ich ja niemandem sagen, der schon mal dem dritten und letzten Akt eines Pornos beigewohnt hat. So ist es natürlich auch hier. Nur halt P.O.V.

Das ist es dann auch schon. Brille wieder abziehen, Kopfhörer aus den Ohren nehmen. Nach einer guten Viertelstunde ist der Ausflug in die virtuelle Pornowelt wieder vorbei. Ganz überzeugend war es nicht. Weder die Immersion, noch die technische Umsetzung mit massenhaft Bildkompressionsfehlern läuft so richtig rund. Noch ist der User recht orientierungslos im virtuellen Rammelraum unterwegs und wird von einem virtuellen Fremdkörper an- und zugestöhnt.

Die Pornoindustrie setzt auf Brille

Die Pornoindustrie positioniert sich bei der Durchsetzung technologischer Entwicklungen traditionell schon immer als treibende Kraft – das war bei der Einführung der VHS-Kassette so und natürlich auch beim Internet. Und das ist mit Virtual Reality jetzt auch wieder der Fall. Momentan bleibt die 2D-Variante für Pornoenthusiasten allerdings noch die befriedigendere Alternative. Jedenfalls im preisgünstigen Segment. Doch es stehen bereits genügend Premiumanbieter mit teuren Varianten in den Startlöchern: Und die sind nach wie vor fest und steif davon überzeugt, dass die Zukunft des Pornos Brille trägt.

Porn Trolling: Warum der Livestream-Hit ‚VR Chat‘ jetzt einen Panic Button hat

In der Welt von ‚VR Chat‘ ist fast alles erlaubt. Das nutzen seit Wochen Trolle aus, um ihre Avatare in Porno-Szenen zu verwandeln und die Karrieren von Streamern zu gefährden – und die waren lange Zeit hilflos.

Screenshot: YouTube | VR Chat Inc.
Screenshot: YouTube | VR Chat Inc.

Seit rund einem Jahr dient die anarchische Virtual-Reality-Community von VR Chat als Zufluchtsort für zehntausende Spieler, die nicht sonderlich viel von Regeln, dafür aber umso mehr von surrealen Gesprächen, unvorhersehbaren Begegnungen oder rassistischen Memes halten.

Folgt Motherboard auf FacebookInstagramSnapchat und Twitter

Die Einstiegshürde ist niedrig: VR Chat ist komplett kostenfrei und lockt seine Community mit lockeren Nutzungsbedingungen, die im Grunde jede Verantwortung und Moderation an seine Spieler abtreten – und diese Gelegenheit wird von den VR Chat-Fans dankend angenommen. Vor allem die Option, sich selbst einen beliebigen Avatar zu erstellen, mit dem dann die Chaträume betreten werden können, ist der Hauptgrund für das bunte Treiben auf den Servern, wo gigantische Porno-Felltiere, Zucchini mit Schauspieler-Gesichtern und sprechende Unterhosen aufeinander treffen.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche unregulierte Spielwelt natürlich auch Trolle anlockt, die ihren Mitspielern zur eigenen Belustigung den Spaß verderben wollen. Ins Visier der Attacken sind dabei insbesondere die vielen Twitch-Streamer gerückt, die in immer größeren Gruppen auf die Server von VR Chat drängen, um dort für ihre Zuschauer zu spielen. Der Grund für ihren Opfer-Status ist denkbar einfach: Im Gegensatz zu allen anderen Usern müssen die Streamer sehr wohl strenge Regeln und Nutzungsbedingungen einhalten – und zwar die ihrer jeweiligen Livestreaming-Plattformen.

Porno auf der Kurzwahltaste: Wie die Trolle Streamer-Karrieren sabotieren wollen

Das wissen auch die Trolle von VR Chat – und machen sich seit Wochen einen Spaß daraus, die Accounts der Twitch-Streamer zu gefährden. Diese Trollerei funktioniert dabei nach dem immer gleichen Prinzip: Zuerst suchen sich die Übeltäter einen Streamer aus, der gerade online ist, und warten anschließend darauf, dass sie einen Hinweis bekommen, auf welchem Server sich ihr Opfer momentan aufhält. Anschließend stürmen die Trolle, von denen viele zu den regulären Zuschauern gehören, den jeweiligen virtuellen Chatraum und „verkleiden“ ihren Avatar als Screenshot oder 3D-Modell einer pornografischen Szene. Das funktioniert mit nur wenigen Klicks – und wird von den Entwicklern auf ihrer eigenen Homepage genau erklärt.

Das sogenannte „Porn Trolling“ ist in der Welt von VR Chat für allem für Streamer ein Problem | Screenshot: Rage Fit Gamer

Anschließend versuchen die virtuell verkleideten Trolle, so lange wie möglich im Blickfeld – und damit auch der Kamera – des Streamers zu verharren, um die jeweilige Streaming-Plattform zu einem Einschreiten zu provozieren.

Das Porno-Trolling kann für die Opfer unangenehme Folgen haben oder sogar ihre Karriere sabotieren: Zeigen Streamer nämlich explizit pornografische Szenen während ihrer Sessions, kann Twitch die Streamer vorübergehend sperren oder komplett bannen – das legen die Nutzungsbedingungen der Streaming-Plattformunmissverständlich fest.

Die Entwickler reagieren spät, aber richtig

Ende 2017 scheint diese besondere Form des Trollens zu einem spürbaren Problem in der Community geworden zu sein, im Januar und Februar dieses Jahres nimmt die Anzahl der hilfesuchenden und genervten Threads von Betroffenen in Foren und Spielgruppen zu. Die Entwickler von VR Chat verfolgen diese Entwicklung offenbar mit – und kündigen schließlich Ende Februar 2018 einen Patch an, der Troll-Opfer endlich die Chance geben soll, sich gegen die Porno-Angriffe rechtzeitig zu wehren. Im Zentrum dieses neuen Patches: der sogenannte Panic Button. Gerät ein Spieler ins Visier der Porno-Angreifer, kann er mit einer einfachen Tastenkombination diesen Panic Button auslösen: Daraufhin werden sofort alle Avatare in unmittelbarer Nähe nicht nur stummgeschaltet, sondern auch durch ein Standard-Modell in hübsch-unspektakulären Grau ersetzt.


Ebenfalls auf Motherboard: The Secret of Monkey Island

Dieses Feature ist für Streamer definitiv eine große Hilfe, um sich vor den nervigen Trollen zu schützen, doch scheint die neue Funktion noch immer nicht allzu große Runden in der Community gedreht zu haben. Weiterhin klagen viele VR Chat-Nutzer über die Troll-Attacken und auch auf YouTube gibt es derzeit (Stand: 28. Februar 2018, vier Tage nach dem „Panic Button“-Patch) offenbar noch keine Videos, die das neue Feature in Aktion zeigen. Vielleicht ist ausgerechnet jetzt also der richtige Zeitpunkt für euch, das Spiel herunterzuladen und einen ersten, vorsichtigen Fuß in die absurde Welt von VR Chat zu setzen – immerhin seid ihr nun mit dem wichtigsten Feature ausgerüstet, um euch vor den nervigsten Bewohnern dieser eigentlich faszinierenden Spielwelt zu schützen.

Folgt Dom auf Twitter.

Quelle: https://motherboard.vice.com/de/article/ywqkg7/porn-trolling-warum-der-livestream-hit-vr-chat-jetzt-einen-panic-button-hat